Radikal gegen ihre Zeit – 150 Jahre Paula Modersohn-Becker im Film

Zum 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker entstehen zwei eigenständige filmische Annäherungen an Leben, Werk und Wirkung einer Künstlerin, die das 20. Jahrhundert vorwegnahm. Die Bremer Produktionsfirma Kinescope Film GmbH realisiert eine dokumentarische Arbeit für ARTE sowie einen formal vielschichtigen Kinofilm, der im Spätsommer im farbfilm verleih startet. Beide Produktionen fragen aus heutiger Perspektive nach künstlerischer Selbstbestimmung, nach weiblicher Autorschaft – und nach der langen Geschichte ihrer Anerkennung.

Filmstill mit Katharina Stark © Kinescope
Filmstill mit Katharina Stark © Kinescope

Die Entdeckung einer Eigenständigen

„Paula Modersohn-Becker. Keine Kompromisse“

Die 52-minütige Dokumentation von Annelie Boroş und Vera Brückner – zu sehen ab 8. Februar auf ARTE und in der Mediathek – zeichnet das Bild einer Malerin, die um 1900 zwischen Worpswede und Paris eine radikal reduzierte, existenzielle Bildsprache entwickelte.

 

Frontalität, Vereinfachung, eine neue Auffassung von Körper und Raum: Modersohn-Becker entzog sich akademischen Konventionen ebenso wie gesellschaftlichen Rollenzuschreibungen. Ihre Selbstbildnisse – darunter die ersten bekannten Akt-Selbstporträts einer Künstlerin – formulieren einen bis dahin ungekannten Anspruch auf Sichtbarkeit.

Der Film verknüpft kunsthistorische Einordnung mit gegenwärtigen Positionen. Künstlerinnen wie Inès Longevial, Sibylle Springer, Ngozi Schommers und Vivian Greven reflektieren die anhaltende Strahlkraft des Werks. So entsteht ein Dialog über Generationen hinweg – über Mutterschaft, Körperlichkeit, Autonomie und die strukturellen Hürden, denen Frauen im Kunstbetrieb weiterhin begegnen.

Mit Katharina Stark als Paula, Dominique Devenport als Clara Westhoff, Enno Trebs als Otto Modersohn und Merlin Rose als Rainer Maria Rilke verdichten Spielszenen historische Konstellationen zu atmosphärischen Momenten. Die französische Schriftstellerin Marie Darrieussecq ergänzt die Perspektive durch Lesungen aus ihrer Biografie über die Malerin.

Wer erzählt ein Leben?

„Paula Modersohn-Becker. Wer weiß schon, was ein Leben ist?“

Der Kinofilm von Annelie Boroş und Vera Brückner wählt einen essayistisch-fiktionalen Zugriff. Ausgangspunkt ist ein Casting: Eine Schauspielerin bereitet sich darauf vor, Paula Modersohn-Becker zu verkörpern – und gerät zunehmend in einen Sog aus Recherche, Projektion und Identifikation.

Vergangenheit und Gegenwart beginnen zu oszillieren. Die Begegnungen mit Otto Modersohn, Clara Westhoff-Rilke und Rainer Maria Rilke erscheinen zugleich historisch und gegenwärtig. Internationale Expert*innen ordnen kunsthistorische Zusammenhänge ein und kommentieren mitunter sogar die filmische Konstruktion selbst.

Katharina Stark übernimmt erneut die Hauptrolle, flankiert von Dominique Devenport, Enno Trebs, Merlin Rose sowie Florian Lukas in einer Gastrolle als Heinrich Vogeler. Das Originaldrehbuch stammt von Anja Salomonowitz.

Der Film reflektiert die Bedingungen biografischen Erzählens: Wie nähert man sich einer Künstlerinnenexistenz, die sich einfachen Deutungen entzieht? Und wie lässt sich ein Leben darstellen, das so früh endete und doch weit in die Zukunft weist?

Museum, Kino, Diskurs

Ein Jubiläum im Dialog

Die beiden Produktionen begleiten die Ausstellungen „Becoming Paula“ im Paula Modersohn-Becker Museum und „Impuls Paula“ in den Worpsweder Museen. In enger Zusammenarbeit mit Museen und Stiftung entstand ein Netzwerk aus Film, Ausstellung und Forschung, das die historische Figur mit aktuellen Debatten verschränkt.

Dass Werke Modersohn-Beckers heute auch im Museum of Modern Art vertreten sind, ist nicht zuletzt dem Engagement der Kunsthistorikerin Diane Radycki zu verdanken. Ihre beharrliche Vermittlungsarbeit verweist auf eine zentrale Frage dieses Jubiläums: Warum dauerte es so lange, bis eine Künstlerin von solcher Innovationskraft international den ihr gebührenden Platz erhielt?

Zugleich schließen die Filme an frühere Arbeiten über die Worpsweder Künstlerkolonie an und erweitern den Blick auf das kulturelle Milieu um 1900 – nicht als idyllischen Rückzugsort, sondern als Spannungsraum zwischen Tradition und Aufbruch.

Gegenwärtig im Denken, zeitlos im Bild

150 Jahre nach ihrer Geburt erscheint Paula Modersohn-Becker als Figur von erstaunlicher Aktualität. Ihr Werk kreist um elementare Themen: Identität, Selbstvergewisserung, das Verhältnis von Körper und Welt. Es sucht nicht nach dekorativer Harmonie, sondern nach innerer Wahrheit.

Die beiden Filme zeigen eine Künstlerin, die unbeirrbar an ihre eigene Bildidee glaubte und deren Radikalität heute neu lesbar wird. So wird das Jubiläum nicht nur zur historischen Würdigung, sondern zur Einladung, über Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und künstlerische Freiheit im 21. Jahrhundert weiter nachzudenken.

Programmhinweis:

Paula Modersohn-Becker. Keine Kompromisse auf arte.tv, ab 8. Februar in der ARTE Mediathek.

Paula Modersohn-Becker. Wer weiß schon, was ein Leben ist?

Ab Spätsommer bundesweit in den Kinos durch den farbfilm verleih, anschließend in den Museen