Wozu Schulbildung?

Das Unglück mit der Unwissenheit

Naturwissenschaft wird immer mehr abgelehnt, kann man schon daran erkennen, dass die Zahl der Studenten in diesen Fächern relativ zu „Geisteswissenschaften“ bzw. „Orchideenfächern“ kontinuierlich abnimmt. Schon die allgemeinbildenden Schulen vernachlässigen eine gründliche Wissensvermittlung – seit 1968 hat es eine Verschiebung der Schwerpunkte gegeben, weg von Ingenieur- und Naturwissenschaften hin zu Sozial- und Geisteswissenschaften. So allmählich zeigen sich die Folgen: aus dem Berufsleben ausscheidende Ingenieure und Naturwissenschaftler können kaum noch ersetzt werden. Die große Hoffnung der Wirtschaft, man könnte die Lücken durch Zuwanderung schließen, scheinen sich so gar nicht zu erfüllen.  Wer kommt hat nicht selten nicht einmal einen Grundschulabschluss.

Diese Missachtung hat die Gesellschaft nachhaltig verändert. Die Deutschen, einmal berühmt für Erfindergeist, wirken immer hilfloser. Fehlende Bildung verhindert auch eine sinnvolle Nutzung der modernen Kommunikationsmittel: Das Internet, eine Riesenchance zur Wissensvernetzung und          –beschaffung, kann den Mangel nicht wirklich abstellen, da ohne Grundwissen gar nicht beurteilt werden kann, was da richtig oder falsch ist.

Hinzu kommt, dass wohl ein Großteil der Menschen von der rasanten Entwicklung des Wissens schlicht überfordert ist. Die Innovationen werden zwar genutzt, jedoch nicht verstanden. Beispiel EDV. Der aktuelle Angriff durch „Wonnacry“, dem zahllose Computer weltweit zum Opfer gefallen sind, zeigt eine erschreckende Sorglosigkeit: da wird mit antiquierten Betriebssystemen gearbeitet, deren Sicherheitslücken schon lange nicht mehr durch die Anbieter geschlossen werden, wobei auch ein installierter Virenschutz da nicht mehr hilft, weil die Lücken ja generell nicht mehr diskutiert werden. Da sind dann der gesamt NHS Großbritanniens betroffen (!), die deutsche Bahn ebenso, als besonders prominente Opfer. Und die Schadsoftware wurde eingespielt durch Öffnen verdächtiger E-Mails! Dies ist kaum anders zu erklärten als durch massive Wissensdefekte. Wer das System nicht versteht macht Fehler.

So etwas kann man auf praktisch allen Wissensgebieten sehen. Zusätzlich ist eine rasante Verarmung der Sprache festzustellen, die Leute kommunizieren bevorzugt in SMS-Sprache. L.S. Wygotsky hat schon früh in seinem Werk „Sprechen und Denken“ auf Zusammenhänge hingewiesen: wer nicht richtig sprechen kann, kann auch nicht richtig denken. Die deutsche Gesellschaft wendet sich von „Denken“ bzw. „Wissen“ ab, hin zu „Fühlen“. Deshalb haben finstere Verschwörungstheorien Konjunktur, eine sachliche Diskussion ist kaum noch möglich. Auch der Hype um den Kanzlerkandidaten Schulz ist auf einer rein emotionalen Welle gelaufen, die verbissene Diskussion um „Genpflanzen“, um Pestizide, um Energiewende – alles kaum rational, aber emotional hoch aufgeladen.

Für Ärzte und Zahnärzte ergeben sich daraus erhebliche Probleme. Auch das Thema „Gesundheit“ wird nicht rational beurteilt, auch da schlagen voll Emotionen durch. „Bio“, an sich ein völliger Unsinn, ersetzt Lebensmittelkontrollen (Bio wird der Kontrolle entzogen, weil ja „natürlich“ gesund), und eine besonders krankhafte Idee zu „gesunder“ Ernährung greift um sich: da gibt es immer mehr Gruppen, die angeblich Gesundheit essen wollen: waren das früher nur „Vegetarier“, so kamen dann „Veganer“ hinzu, und aktuell ist die Menge an fanatisch ihren besonderen Weg verteidigenden und angeblich von der „Fabriknahrung“ kranken Menschen unüberschaubar – da hat fast jeder seine ganz eigene Vorstellung, die mit missionarischem Eifer der Umgebung aufgezwungen werden soll. Der Gang zum Heilpraktiker bestätigt dann die komischen Ansichten – da haben plötzlich jede Menge Leute eine Glutenunverträglichkeit, obgleich dies selten „echt“ ärztlich bestätigt werden kann, die „Amalgamallergie“ hatte wir ja schon, die es praktisch gar nicht gibt, Fluor „ist Gift“, und das Ganze wird von den Nutznießern dieser Hysterie, den „alternativen“ Heilern, zur Maximierung ihres Profits gerne bestärkt. Da wird dann behauptet, es sei ein Befall mit Parasiten im Darm gegeben, da müsse eine strenge Diät (natürlich alles Bio) zur „Entgiftung“ angewandt werden, ganze Kurkliniken bieten das zu hohen Gebühren an, und im Ergebnis bilden die Menschen dann schwere psychische Erkrankungen aus.

Die Wissenschaft – die exakte Wissenschaft! – kennte keine „Entschlackung“, „Entgiftung“ o.ä., jedenfalls nicht so, wie es die Alternativ“Medizin“ angibt. „Erfahrungsmedizin“, „Heilpraktiker“, all das basiert auf dubiosen Grundlagen, die Glauben erfordern und nicht Wissen. Und schon gar keine Diät, die seelische Krankheiten heilen könnte.

Nun kommen die Patienten mit ganz konkreten Vorstellungen zu uns und fordern eine ganz bestimmte Behandlung mit vorgegebenen Materialien und Methoden. Wie soll man als „Zahn)Arzt darauf reagieren? Ideal wäre es, den betreffenden Patienten abzuweisen. Schließlich trägt der (Zahn)Arzt die Verantwortung und ist gesetzlich verpflichtet, „Heilkunde auf aktuellem Stand der Wissenschaft“ zu betreiben. Dazu kann kaum ein Rückgriff auf Methoden des Mittelalters angebracht sein.

Nur – es werden immer mehr, das ist wie eine um sich greifende Seuche. Da meint man, man könne es sich nicht leisten, solche Patienten abzuweisen. Und dann kommt die Anpassung: das Phänomen der Massenpsychologie. Wenn so viele das glauben, dann muss doch was dran sein, so die Rationalisierung. Der Gruppenzwang zusammen mit dem Bedürfnis, dazu gehören zu wollen, bewirkt, dass objektiv falsche Methoden Einzug halten in die Arztpraxen.

Und dann gibt es Opfer: https://www.n-tv.de/panorama/Baby-verhungert-wegen-Superfood-Diaet-article19846664.html. Naturapostel, mit eigenem “Bio“ Laden, haben „Glutenunverträglichkeit“ selbst diagnostiziert (beim eigenen Kind!), und weil man auf dem Veganertrip war, gleich eine „Milchunverträglichkeit“ dazu. Weil man das ja alles gelernt hat in der Schule (keinerlei Ausbildung oder Schulbildung) brauchte man niemanden zu fragen, das hat man alles selbst viel besser gekonnt. Und selbst wenn ein Arzt früher konsultiert worden wäre, dem hätte sowieso keiner Glauben geschenkt. Der erste Weg, als man sich Sorgen zu machen begann, war ja auch der zum Heilpraktiker, ganz folgerichtig. Der hat – passiert ja auch nicht immer – die Lebensbedrohliche Situation erkannt und deshalb die Eltern an einen richtigen Arzt verwiesen. Nur, der konnte nicht mehr helfen, das Kind ist an Unterernährung gestorben. Die eigenen Eltern haben ihr Kind verhungern lassen!

Solche Berichte sind selten, die Dunkelziffer ist vermutlich sehr hoch. Falsch verstandenes Mitleid („die Eltern haben ihr Kind verloren“), eine durch unqualifizierte Medien  bestimmte „öffentliche Meinung“, das lässt zögern. Will man sich freiwillig an den Pranger stellen? Also hält man den Ball flach – und es werden viele Opfer folgen…

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