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Prophylaxe - da gibt es immer noch viel zu tun!

Prophylaxe – gibt es da überhaupt noch was Neues?

 

Zuerst einmal dürfen wir mit Stolz feststellen, dass die Prophylaxe in Deutschland ein echtes Erfolgsmodell geworden ist. Dies ist primär auf die Bemühungen der Zahnärzteschaft zurückzuführen – die Individualprophylaxe zeigt Wirkung. Gruppenprophylaxe wird ebenfalls angeboten – nur: die ist nicht wirklich flächendeckend bzw. erfasst nicht alle Kinder bzw. Bevölkerungskreise. Und das ist der Wehmutstropfen: die Gesellschaft driftet immer mehr auseinander – nicht nur in Bezug auf Einkommen (die Kluft zwischen Reich und Arm öffnet sich ja bekanntermaßen immer weiter), auch bezüglich Bildung (die geradezu verzweifelt wirkenden Bemühungen der Politik auf dem Bildungssektor haben bisher nicht verhindern können, dass die soziale Herkunft Hauptprädikator für spätere Bildungschancen ist) und insbesondere Gesundheit und unser Fach betreffend Zahngesundheit.

Die Ergebnisse der DMS IV haben dies bestätigt: es wurde eine doch deutliche unterschiedliche Betroffenheit einzelner Bevölkerungsgruppen ermittelt: Obwohl die positiven Veränderungen Angehörige aller Sozialschichten betreffen, sind weiterhin große Unterschiede in der Kariesverteilung (Kariespolarisation) festzustellen. Die Polarisation hat sich seit 1997 sogar verstärkt:

10,2 Prozent der untersuchten Kinder haben eine Karieserfahrung mit mehr als zwei befallenen Zähnen und vereinigen damit 61,1 Prozent der Karieserfahrung ihrer Altersgruppe auf sich. Bei den Jugendlichen konzentrieren sich 79,2 Prozent der Karieserfahrung auf 26,8 Prozent der Untersuchten.

 

Der Kariesrückgang in allen Altersgruppen wird jedoch konterkariert durch die bedenkliche Zunahme an Parodontitiden:

Die DMS IV zeigt, dass Kinder (12-Jährige) im Durchschnitt 0,7 Zähne mit Karieserfahrung haben (statistisch betrachtet sind  0,7 Zähne kariös, gefüllt oder aufgrund einer Karies bereits verloren gegangen). Bei den Jugendlichen (15-Jährige) beträgt der Wert 1,8, bei den Erwachsenen (35- bis 44-Jährige) 14,5 und bei den Senioren (65- bis 74-Jährige) 22,1 Zähne. 70,1 Prozent der Kinder und 46,1 Prozent der Jugendlichen haben ein Gebiss ganz ohne Karieserfahrung.

Dem steht die deutliche Zunahme von Parodontalerkrankungen entgegen: Mittelschwere und schwere Parodontalerkrankungen haben bei Erwachsenen und Senioren seit der letzten Erhebung 1997 (DMS III) um 26,9 Prozentpunkte bzw. 23,7 Prozentpunkte zugenommen. Als Grund für die Negativentwicklung wird der positive Umstand, dass bei diesen Altersgruppen weniger Zähne durch Karies verloren gehen, angenommen. Die erhaltenen Zähne weisen aber mit zunehmendem Lebensalter ein steigendes Risiko für parodontale Erkrankungen auf.

Hier muss man jedoch nachfragen: wenn es so eine Diskrepanz gibt, müssen noch weitere Faktoren dafür bestimmend sein. Wäre nämlich der Kariesrückgang einer verbesserten Mundhygieneleistung (Zahnreinigung durch Putzen mit Bürste und Zahnzwischenraumhygiene) alleine geschuldet, wäre die deutliche Zunahme an Parodontalerkrankungen  so nicht erklärbar. Es gibt dazu auch Studien, die belegen, dass sich die Mundhygiene in den letzten 20 Jahren nicht wesentlich verbessert hat – weder die Putzdauer noch die Putzfrequenz hat eine solch höhere Qualität erlangt, wie eigentlich erforderlich. Vielmehr scheint es wohl so, dass die Verbesserung der Mundhygienemittel (Zahncremes sind sehr zielgerichtet so verbessert worden, dass sie einen Passivschutz bieten, d.h., es wird eine geringere Kariesmorbidität ohne verbesserte Zahnpflegegewohnheiten bewirkt) den Kariesrückgang erzeugt haben (insbesondere ist der Erfolg der wohl 100-prozentigen Fluoridabdeckung geschuldet). Fluorid schützt jedoch nur ungenügend vor Parodontitis – derzeit sind sehr wenige spezielle Mundprophylaktika mit ausgewiesener Schutzwirkung gegen Parodontitis verfügbar.

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Bei Erwachsenen und Senioren ist erstmalig ein Rückgang der Karieserfahrung zu verzeichnen. Seit 1997 hat sich die Karieserfahrung bei den Erwachsenen aus den alten und den neuen Bundesländern deutlich angeglichen. Wesentlich weniger Zähne mussten aufgrund von Karies extrahiert werden. Allerdings ist in beiden Altersgruppen das Vorkommen von Wurzelkaries stark angestiegen (bei Erwachsenen um 9,7 Prozentpunkte und bei Senioren um 29,5 Prozentpunkte), da erhaltene Zähne mit zunehmendem Alter ein wachsendes Risiko für Wurzelkaries aufweisen. Auch dies ist ein Indiz für eine nicht wesentlich verbesserte Mundhygiene, jedoch eine Wirksamkeit der Mundprophylaktika gegen Schmelzkaries. Das Problemfeld „Wurzelkaries“ bzw. Alterskaries ist für uns neu – und hier gibt es zwar erste Ansätze für die Entwicklung spezieller Prophylaktika, eine echte Wirkung zeigt sich jedoch noch nicht (siehe DMS IV). Ebenso wird das vollkommen neu entdeckte Problemfeld „Erosionen“ nicht von der DMS IV erfasst, obgleich man von Zahlen um 35 Prozent der erwachsenen Bevölkerung ausgehen muss (dieser Aussage liegen Schweizer Studien zugrunde). Auch hier ist bisher noch wenig präventives Wissen umgesetzt worden (hierzu finden Sie ein Fortbildungsvideo unter www.dentalkolleg.de).

 

Der letzte Survey hat jedoch einen hohen Kariessanierungsgrad in der Bevölkerung nachgewiesen: dieser wesentliche Indikator der Versorgung der Bevölkerung mit zahnärztlichen Dienstleistungen liegt bei den Kindern und Jugendlichen auf hohem Niveau (zwischen 78,1 Prozent und 79,8 Prozent) und bei Erwachsenen und Senioren auf außerordentlich hohem Niveau (95,6 Prozent bzw. 94,8 Prozent). Leider kann dies bezüglich Parodontalerkrankungen nicht bestätigt werden.

Parodontalerkrankungen sind weit verbreitet. Unter den Erwachsenen leiden 52,7 Prozent unter mittelschweren und 20,5 Prozent unter schweren Formen der Parodontitis. Bei den Senioren sind 48,0 Prozent von einer mittelschweren und 39,8 Prozent von einer schweren Erkrankung betroffen.

Dem stehen relativ geringe Zahlen einer Therapie gegenüber – das KZBV Jahrbuch gibt für Gesamtdeutschland  im Jahr 2008 insgesamt 900 Tsd. PAR-Therapien (ausgedrückt durch die BEMA Nr. 4) an, eine unübersehbare Diskrepanz. Wenn ca 50 Prozent der erwachsenen Bevölkerung eine diagnostizierbare Parodontalerkrankung zeigen, sind 900 000 Therapien vollkommen unzureichend.

 

Schwere Formen der Parodontitis sind dabei bei Männern häufiger als bei Frauen anzutreffen. Rauchen begünstigt Parodontalerkrankungen - möglicherweise ein Grund für die größere Häufigkeit bei Männern. Aber auch ein niedriger Bildungsstatus erhöht das Erkrankungsrisiko. In der Altersgruppe der Erwachsenen haben Raucher mit einfacher Schulbildung im Vergleich zum Durchschnitt der Altersgruppe ein um den Faktor 3,3 höheres Risiko, an einer schweren Parodontitis zu erkranken. Darüber hinaus ist ein Zusammenhang zwischen Übergewicht und

dem Ausmaß einer Parodontitis festzustellen.

 

Irritierend sind jedoch die Antworten bezüglich individueller Mundhygiene - bei der Untersuchung der Zahnpflegegewohnheiten gaben 74,2 Prozent der Kinder, 73,4 Prozent der Jugendlichen, 72,8 Prozent der Erwachsenen und 60,6 Prozent der Senioren an, zweimal täglich die Zähne zu putzen. Dies kann so kaum stimmen, da insgesamt der Absatz an Zahnbürsten viel zu gering ist, um solche Zahlen bestätigen zu können. Hier wird vermutlich lediglich eine sozial erwünschte Antwort gegeben.

Hoffnung macht jedoch, dass mehr als zwei Drittel der Befragten in allen vier Altersgruppen dabei der Überzeugung sind, dass man selbst „sehr viel“ bzw. „viel“ tun könne, um seine Mundgesundheit zu erhalten.

 

Halten wir fest: wir finden insgesamt weniger Karies vor, der Versorgungsgrad bezüglich Karies ist als sehr gut anzusehen, wir haben eine (bedauerliche) weitere Schiefverteilung der Morbidität, und wir stellen eine bedenkliche Zunahme an PAR-Erkrankungen (nebst Alters-Wurzelkaries und Erosionen) fest, die offensichtlich nicht adäquat therapiert werden. Hier scheint es noch Defizite im Bewusstsein zu geben – PAR-Erkrankungen haben viel weitreichendere Folgen als die Karies, sind deshalb auch als viel dringender therapiepflichtig anzusehen (PAR wirkt sogar mortalitätssteigernd!) und müssen jedenfalls als zentrale Herausforderung an die Zahnheilkunde interpretiert werden.

Da keine PAR-Therapie ohne adäquate Prophylaxe bzw. häusliche Mundhygiene vorstellbar wäre, muss hier besonderes Augenmerk auf eine bessere Umsetzung zahnärztlicher Empfehlungen gerichtet werden. Ergebnisse der DMS IV können hier als wirksame Hebel genutzt werden:

Patienten unterliegen einem sozialen Zwang, sich selbst als Menschen mit guter Mundhygiene darzustellen (sie geben sozial erwünschte Antworten, die nicht der Wahrheit entsprechen können) und sie sind sich bewusst, dass sie selbst „viel bzw. sehr viel“ für die Zahngesundheit tun können. Dies gilt es gezielt einzusetzen.

 

Da im Prinzip für die zahnmedizinische Prophylaxe die gleichen Bedingungen vorliegen wie für die allgemeinmedizinische und hier insbesondere die Prävention gegen Übergewicht bzw. Adipositas sollten hier auch ähnliche Mechanismen zum Einsatz kommen und ein gesundheitsbewussteres Verhalten zu induzieren.

Die medizinischen Fachgesellschaften geben hier eine Empfehlung ab:

„Verhaltenstherapeutische Ansätze können die Patientenmotivation bei der Einhaltung der Ernährungs- und Bewegungsempfehlungen unterstützen: Der Einsatz von Techniken der Verhaltensmodifikation wird vor allem für die langfristige Gewichtsreduzierung bzw. –stabilisierung im Rahmen von Gewichtsmanagementprogrammen empfohlen (Jeffery et al, 2000; Westenhöfer, 2001).“

Die wichtigsten Elemente sind:

Selbstbeobachtung des Ess-, Trink- und Bewegungsverhaltens, z.B. mit einem Ernährungstagebuch,

Bewegungsprotokoll

Einübung eines flexibel kontrollierten Essverhaltens (im Gegensatz zur rigiden Verhaltenskontrolle)

Erlernen von Stimuluskontrolltechniken, um Essreize zu reduzieren

Einsatz von Verstärkungsmechanismen (z.B. Loben), um das neue Essverhalten zu stabilisieren

und Rückfälle zu vermeiden

Soziale Unterstützung

Rückfallprophylaxe/- management

 

Diese Empfehlungen können für zahnärztliche Zwecke modifiziert eingesetzt werden. Um die Erfolgsaussichten abschätzen zu können, soll hier kurz die Theorie der Verhaltenstherapie (VT) dargestellt werden:

 

 VT basiert im Gegensatz zu tiefenpsychologischen oder analytischen Psychotherapieverfahren auf einer kognitiven Umstrukturierung unbewusst meist in der Kindheit erlernten Verhaltens und ist in der Therapie seelischer Störungen aller Erfahrung nach ebenso erfolgreich wie die beiden ursprünglichen Methoden, die von anderen Ansätzen ausgehen.

Dr. Doris Wolf, Diplom Psychologin und Psychotherapeutin,  zeigt beispielhaft in ihrem Buch

„Gefühle verstehen, Probleme bewältigen“, erschienen im PAL Verlag, wie die VT funktioniert.

 

Im Mittelpunkt der Kognitiven Therapieverfahren stehen unsere Kognitionen. Kognitionen umfassen unsere Einstellungen, Gedanken, Bewertungen und Überzeugungen. Die Kognitiven Therapieverfahren, zu denen die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) und die Rational-Emotive Verhaltenstherapie (REVT) gehören, gehen davon aus, dass die Art und Weise, wie wir denken, bestimmt, wie wir uns fühlen und verhalten und wie wir körperlich reagieren.

Das ABC der Gefühle beschreibt diesen Zusammenhang so:

A Situation
B Bewertung der Situation als positiv, negativ oder neutral
C Gefühle, Körperreaktionen und Verhalten


Wenn wir eine Situation als erfreulich, gut, schön für uns bewerten, werden wir uns auch froh, glücklich, freudig erregt, usw. fühlen. Bewerten wir sie als schlimm, gefährlich, furchtbar, unerträglich, dann empfinden wir Depressionen, Angst, Wut, Enttäuschung, Unruhe, Anspannung, usw. Bewerten wir sie als weder gut noch schlecht, neutral, normal, alles ist in Ordnung, dann sind wir entspannt, zufrieden und ruhig.

Übertragen auf die zahnmedizinische Prävention stehen wir vor dem Problem, dass die Situation A z.B. die Mundhygiene darstellt. Die Bewertung (B) wird dabei meist negativ ausfallen, wohingegen z.B. der Genuss von Süßspeisen (A) als positiv (B) bewertet wird. Die Reaktion (C) ist jetzt einleuchtend: die Mundhygiene wird als enttäuschend mit unangenehmen Gefühlen verbunden, der Süßigkeiten Verzehr hingegen wird Glücksgefühle hervorrufen.

Dies wird meist recht früh in der Entwicklung so manifestiert: fällt z.B. ein Kind hin und erleidet Schreck und Schmerz (unangenehm) wird dies von der liebenden Mutter kompensiert bzw. umgedreht durch die Gabe von z.B. Schokolade (Zuwendung = positiv). So wird konditioniert, dass Süßgenuss gleich Glücksgefühl bedeutet. Umgekehrt wird das Zähneputzen meist durch Drohungen  bzw. Zwangsmaßnahmen begleitet – also negativ besetzt. So wird in der frühkindlichen Erziehung ein Verhalten eingeübt, das konträr zu dem steht, was Zahnärzte als wünschenswert ansehen.


Das ABC der Gefühle macht deutlich, dass wir, was auch immer passiert, Einflussmöglichkeiten auf unsere Gefühle haben. A, die Situation können wir häufig nicht beeinflussen. Wir können jedoch, so lange wir denk- und lernfähig sind, unsere Bewertung am Punkt B verändern. Gleichzeitig zeigt es uns, dass andere keine Verantwortung für unsere Gefühle und wir auch keine Kontrolle über deren Gefühle haben.

Dies muss unser Ansatzpunkt sein: wenn wir es durch kognitive Umstrukturierung schaffen, dass bestimmte Situationen (A) nicht mehr positiv bewertet werden oder gar negative Reaktionen zeitigen, andererseits das „unangenehme“ Zähneputzen zum Glücksgefühl „saubere Zähne“ führt, dann ist das Ziel einer Umstrukturierung erreicht.

Die VT umfasst alle Bereiche und setzt, anders als andere Methoden, stets im Hier und Jetzt und nicht in der Vergangenheit an.

·      Veränderung der Situation, soweit es möglich und sinnvoll ist.

·      Veränderung der Bewertungen und Lebenseinstellungen, sodass diese uns helfen, unsere Ziele zu erreichen und uns so zu fühlen, wie wir es uns wünschen

·      Veränderungen im Verhalten.

Eine Veränderung der Situation – wie können wir uns das vorstellen? Hier wäre daran zu denken, das Setting bei der Mundhygiene zu ändern. Restauranttoiletten sind z.B. kaum geeignet ein gutes Gefühl bei der Mundhygiene zuzulassen. Aber, zuhause, im Badezimmer, da könnte man z.B. die Lieblingsmusik spielen lassen (normale Bäder sind ziemlich freudlose Orte, da kann man sicher was verbessern), man könnte Farben einbringen (das sterile Weiß ist ja nicht gerade emotionsfördernd), usw. Und wenn man sich bei Süßgenuss auferlegt, unmittelbar Mundhygiene zu betreiben, wird der Reiz sicherlich abnehmen, Süßes zu essen. Macht ja Arbeit...   

In diesem Zusammenhang sollen reale Beobachtungen einmal die Problematik vertieft darstellen: egal, ob Essen mit Freunden, mit der Familie oder zu offiziellen Anlässen – nirgends kann man beobachten, dass nach dem Verzehr der Nachspeise die Leute vom Tisch aufstünden und sich zur Mundhygiene zurückzögen. Dies stellt man auch bei Tagungen für Zahnmediziner (auch wissenschaftlichen) fest: kein Mensch putzt nach dem Verzehr des süßen Nachtischs.

Nun könnte man ja auf den Nachtisch generell verzichten, oder, wie in den Mittelmeerländern üblich, nur Obst und Käse als letzten Gang einführen – das wäre jedenfalls gesünder. Wenn man dies einübt, wird man feststellen, dass der „Nachtisch“ eigentlich fade schmeckt, nur eklig süß ist, wohingegen Käse und Obst die ganze Vielfalt verschiedener Genüsse zulassen. Mit süß ist das so wie mit salzig: die jahrzehntelange Gewöhnung macht unempfindlich. Gewürze und Kräuter schmecken ja auch besser als Salz, nur, das muss man erst lernen zu genießen.

Eine Veränderung der Bewertung, wie es die VT vorgibt – weshalb nicht wie bei Zigaretten „rauchen kann tödlich sein“ etwas analoges einführen, wie z.B. „Zucker macht dick“, „Zucker zerstört meine Zähne“, etc?

Hier bietet sich wieder ein Ansatzpunkt: lassen wir im Ernährungsprotokoll doch notieren, was die Leute so alles essen, und dann beginnen wir, kleine Veränderungen einzuführen. Statt Eiscreme z.B. Pudding, statt Kuchen Käse, statt Schokolade Obst – man muss dabei vorsichtig in ganz kleinen Schritten vorgehen und die Patienten langsam an den Genuss natürlicher, ungezuckerter Speisen heranführen. Nicht zu vergessen ist natürlich die Kontrolle bzw. die Dokumentation der kleinen Erfolge. 

Die Veränderung im Verhalten muss natürlich in kleinen Schritten erfolgen, alles auf einmal gewinnen zu wollen ist unrealistisch. Damit provoziert man nur Widerstand. Dies gilt für die Ernährung ebenso wie für die Mundhygiene. Deshalb ist es notwendig, den Fortschritt irgendwie sichtbar zu machen – da haben wir Zahnärzte die Trumpfkarte in der Hand.  Das Ernährungsprotokoll ist die eine Möglichkeit bezüglich Vermeidung schädlicher Noxen, und um die Mundhygiene überprüfbar zu machen lässt man regelmäßig die Sauberkeit der Zähne prüfen. Die Erhebung des Plaque-Index ist eine unbestechliche objektive Messmethode, die ohne Ausreden zuzulassen den Fortschritt zeigen kann.

Jede Sitzung umfasst die Diskussion des momentanen Standes, die Erklärung von Zusammenhängen und die Übung konkreter Strategien. Ähnlich wie wir eine Sprache erlernen, lernen wir, besser mit uns und der Umwelt umzugehen, und neue Lösungswege kennen.

Was in der VT zur Lösung seelischer Probleme eingesetzt wird, das können wir auch tun. Schließlich sollten wir uns (und den Patienten) stets vor Augen halten: Zahnkrankheiten sind ein Problem, das durch falsche Verhaltensweisen ausgelöst wird, und durch anderes Verhalten kann es gelöst werden – die Notwendigkeit für Reparaturen wird vermeidbar.

Wenn wir genau wissen, wie wir anders denken und uns verhalten müssen, dann geht es darum, unser Wissen in die Tat umzusetzen und zu üben. Hierzu gibt uns der Therapeut Hausaufgaben und Übungen, die wir zwischen den Therapiesitzungen durchführen. Immer wieder werden die Fortschritte überprüft und gegebenenfalls auch das Vorgehen verändert.

Diese Hausaufgaben sind von größter Wichtigkeit – also geben wir z.B. auf, die Mundhygiene nicht „nach Gefühl“, sondern messbar zu gestalten. Beispielsweise lässt man (eine Hausaufgabe) die Zeit messen, die aufgewendet wird (Messungen haben nämlich ergeben, dass kaum mehr als eine Minute geputzt wird, wohingegen drei Minuten als sinnvoll anzusehen wären). Eine andere Hausaufgabe könnte so aussehen, dass wir die Bewegungen der Zahnbürste zählen lassen (also z.B. jeden Gebissabschnitt 20 mal auf und ab reinigen). Die Hauptaufgabe müsste es auch sein, überhaupt alle Zähne beim Putzen zu erreichen – schon so etwas an sich simples wie die Unterteilung des Gebisses in Teilabschnitte, die abhängig von der Bürstengröße systematisch zu reinigen sind, ist weitverbreitet nicht üblich.

All dies kann man nur in kleinen Schritten umsetzen – jede Hausaufgabe muss ohne große Anstrengung umsetzbar sein, sonst verliert ein Patient die Motivation, mitzumachen. Die Erfolge müssen dann konsequent gelobt und dokumentiert werden.

Wirksamkeit der kognitiven Therapieverfahren

Sie gehören zu den Verfahren, die am häufigsten erforscht und am meisten eingesetzt wurden. Insbesondere in der Behandlung von Depressionen und Ängsten sind kognitive Therapieverfahren sehr effektiv. Sie können z.T. die Medikation ersetzen bzw. deren Wirksamkeit steigern.

Die häufigsten Probleme, die in einer Verhaltenstherapie behandelt werden, sind:

Angststörungen: Panikstörungen, Phobien, Generalisierte Angstzustände, Soziale Ängste, Posttraumatische Belastungsstörungen, Versagensängste,
Ärger, Wut
Depressionen
Eifersucht
Essstörungen: Übergewicht, Bulimie, Magersucht
Seelische Kränkungen und Verletzungen
Partnerschaftsprobleme wie Liebeskummer, Mobbing
Trennung, Scheidung
Schlafstörungen
Schmerzen: Kopfschmerz, Rückenschmerz u.a.
Psychosomatische Beschwerden
Sexueller Missbrauch, Transsexualität
Sexuelle Probleme: Lustprobleme, Erektionsstörungen, Orgasmusstörungen
Suchtprobleme: Spielsucht, Rauchen, Internetsucht, Alkoholsucht und Medikamentensucht, Sex, Arbeitssucht
Arbeitsprobleme: Burnout, Überforderung, Konzentrationsprobleme
Stottern
Stressbewältigung
Tinnitus
Trauer
Zwänge

Die Kognitive Therapie ist in der Regel eine Kurzzeittherapie. Zwischen 10 und 30 Sitzungen sind die Norm.

Hier heißt es also Geduld zeigen. Und die VT muss eine Regelmäßigkeit haben – eine Sitzung pro Woche ist sinnvoll und üblich. Und seien wir ehrlich: Zahnschäden sind ebenso wie Übergewicht Ergebnis von Essstörungen, also geradezu klassisch für die Behandlung mit VT geeignet.

hilfreich für den Therapieerfolg ist

·      die Bereitschaft, aktiv an sich zu arbeiten

·      das Vertrauen, dass wir Einflussmöglichkeiten haben

·      die Bereitschaft, Hausaufgaben zu machen

·      die Bereitschaft, neues Verhalten auszuprobieren

·      die Bereitschaft, sich vorübergehend auch mit Angst in Situationen zu wagen

Es wird also die Motivation nachgefragt. Hier müssen wir eine Selektion unserer Patienten vornehmen - wir müssen vorab klären, wie die Motivationslage ist. Hoch motivierte Patienten sind naturgemäß leichter zu einer Verhaltensänderung zu bewegen als wenig motivierte. Hier kann die Anamnese hilfreich eingesetzt werden. Nicht wenige Patienten werden durch finanzielle Anreize motivierbar sein – kann eine Reduktion ständiger kostenintensiver Gebissreparaturen in Aussicht gestellt werden, so ist das ein Motivationshebel. Auch die Belastung durch zahnärztliche Maßnahmen (Zeit, Schmerzen, etc.) sowie Angst vor dem Zahnarztbesuch sind mögliche Motive für eine angestrebte Verhaltensänderung – vorausgesetzt, wir können glaubhaft vermitteln, dass eine Verhaltensänderung eine Änderung auch des Gesundheitsstatus bewirkt, und hier gehört die Einsicht dazu, dass der Patient an seinen Zahnproblemen selbst Schuld hat. Man sollte keine Ausreden gelten lassen – die wissenschaftliche Beweislage ist so erdrückend, dass analog zum Rauchen oder zur Adipositas (es sind die Drüsen, nicht meine Fresssucht, die mich dick machen?) keine Ausflüchte zugelassen werden dürfen.

Wir müssen auch berücksichtigen in der Planung, dass wir eine Methode der „kognitiven VT“ anwenden wollen – hierbei ist der Bildungsstatus eine wesentliche Größe. Je mehr Bildung desto komplexer kann unsere Erläuterung ausfallen, und je niedriger der Bildungsstand, desto schlichter werden wir argumentieren müssen. Auch der soziale Status sollte berücksichtigt werden – für einen Menschen, der in der Öffentlichkeit steht ist es z.B. sicherlich motivierend, über ästhetische Probleme seiner Zähne zu reden und so für mehr Compliance zu sorgen als für einen Arbeitslosen, der sich sozial zurückgezogen hat. Hier muss vorab erst einmal ein Bewusstsein dafür geschaffen werden, woher die soziale Isolierung möglicherweise rühren könnte, nämlich von einem ungünstigen Aussehen wegen unansehnlicher Zähne.

So kommt einer Suche nach Motivationsmöglichkeiten eine primäre Rolle zu – und die Motivation, das muss klar sein, ist individuell.

 

Nimmt man sich Zeit genug, kann man wohl fast alle Patienten erreichen und zu einem gesünderen und besseren Leben bewegen – unter Umständen auch in konsiliarischer Absprache mit dem Hausarzt (der sollte ja was gegen die Fettsucht unternehmen) und dem Psychotherapeuten (man glaubt ja gar nicht, wie viele Menschen seelische Probleme haben und sich in Psychotherapie befinden – die Psychotherapie ist zu einem der Hauptkostenblöcke des Gesundheitswesens geworden!) .